04.11.2015

Ich bin seit 2,5 Jahren Mutter eines wunderbaren kleinen Jungen namens Robin und gleichzeitig eine Projektmanagerin/Scrum Master aus Leidenschaft. Ich liebe es Anforderungen zu spezifizieren, Livegänge zu koordinieren und Probleme aus dem Weg zu räumen. Bevor ich in Elternzeit gegangen bin, habe ich ein Scrum-Team aufgebaut und das Team als Scrum Master unterstützt. Nur schweren Herzens konnte ich mich mitten im Projekt von der Tätigkeit trennen, um wenig später festzustellen, dass Mutter eines Neugeborenen zu sein, einen vor fast genau die gleichen Herausforderungen stellt, wie ein Scrum-Team zu managen.

1. Eltern haben eine Vision

Wie der Product Owner haben Eltern eine Vision, noch bevor das Kind auf der Welt ist. Sie möchten, dass ihr Kind glücklich ist und es ihm an nichts mangelt, dass es eine tolle Kindheit hat und dass man bei der Erziehung nichts falsch macht. Diese Vision wird, wie auch bei Projekten im Daily Doing, im Hinterkopf behalten. Das Verfolgen der Vision kann dazu führen, dass die Anforderungen geändert werden oder Features, die initial nicht geplant und budgetiert waren, auf einmal auf die Roadmap genommen werden. Oder meinen Sie, die Eltern wissen, wie hoch der "tatsächliche Schlafentzug” sein wird, bevor das Kind da ist? Erst wenn das Kind auf der Welt ist, wird die Bedeutung dieser Rahmenbedingung klar und man muss darauf reagieren und jede Möglichkeit nutzen, sein Schlafdefizit aufzuholen.

2. Eltern sind von Natur aus flexibel und agil

Man muss jeden Tag seine Planung überprüfen und flexibel anpassen. Projektmanager neigen auch im Privaten dazu ihren Tag unbewusst zu planen und die Pläne im Kopf abzuarbeiten. Sehr häufig fragt mein Mann mich morgens am Wochenende: “Wie ist der Plan für heute?”. r glaubt es mir nicht wirklich, wenn ich ihm sage: “Heute habe ich keinen Plan, wir lassen uns treiben”. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann glaube ich, dass wir damit eine Daily Scrum machen. In der Tat hab ich immer einen Plan, was am Tag erledigt werden muss, was wir wann essen, wann die Waschmaschine läuft und wann der Kleine seine fünf gesunden Mahlzeiten bekommen soll, obwohl es doch schon 16 Uhr ist und wir bei McDonalds zu Mittag gegessen haben. Eben wie im Projekt  – um bloß keinen Leerlauf in der Entwicklung zu verursachen. Mit einem Baby bzw. Kleinkind kann man auch Pläne machen, die jedoch sehr selten genauso durchgeführt werden, da sich “die Anforderungen” ändern. Weil das Baby länger schläft oder sich mit Schokolade vollschmiert, wenn man gerade aufbrechen möchte, weil es, aus welchen Gründen auch immer, die Kindersitzauflage auf einmal nicht mag und einen Tobsuchtsanfall bekommt oder die Mütze doof findet, oder weil es im Winter eine kurze Hose anziehen möchte, oder oder oder oder….. Während im agilen Projekt die Änderung der Anforderungen daraus resultieren, dass die Wettbewerber auf einmal anders agieren, als antizipiert, weil eine neue Technologie die Konsumenten in eine unerwartete Richtung lenkt oder weil es neue Erkenntnisse über die User-Wünsche gibt, ist zu Hause das Kind der externe Faktor, der einen dazu bringt, immer und jederzeit bereit sein zu müssen flexibel neue Pläne zu erstellen und sich neue realistischere Ziele zu setzen (zum Beispiel reicht es, wenn wir einmal im Monat pünktlich bei der Tagesmutter ankommen). Eben weil man es gewohnt ist, immer wieder umzudenken und seine Agilität unter Beweis zu stellen, sind die Eltern auch im Arbeitsalltag  ziemlich gut in der agilen Projektmethodik.

3. Eltern müssen genau wie Projektmanager Anforderungen und Akzeptanzkriterien genau spezifizieren

Damit der Entwickler im Projekt genau das umsetzt, was der Kunde sich wünscht, muss man den Kunden verstehen und die Anforderungen genau definieren. So auch als Eltern. Die Anforderung “Putz dir bitte die Zähne” ist nicht präzise genug. Diese Anforderung führt dazu, dass die Zahnbürste ca. 2 Sekunden die Zähne berührt und in der restlichen Zeit damit die Badewanne beschmiert wird. Die Aktion endet damit, dass die Zahnbürste irgendwohin geschmissen wird (hoffentlich nicht wieder in die Legokiste, denn dann kann man direkt eine neue kaufen, denn in der Kiste findet man sie nie und nimmer). Eine präzise Anforderungen mit genau spezifizierten Tasks nach folgendem Schema “Ich erwarte, dass du dir die Zähne durch die Hin- und Herbewegung der Zahnbürste IM MUND exakt 2 Minuten lang putzt und danach die Zahnbürste zum Waschbecken INS Badezimmer bringst”  wird eher dazu führen, dass die Tätigkeit zur Zufriedenheit beider Seiten durchgeführt wird. Diese Anforderung ist allerdings eher theoretisch zu betrachten, denn kein Kind hört so lange zu, bis die Mutter diesen Satz zu Ende gesprochen hat – in der Zeit wurde schon längst der Spiegel mit der Zahnpaste vollgeschmiert. In der Entwicklung führen solche präzise ausformulierten Anforderungen dazu, dass der Kunde und der Entwickler wissen, was erwartet wird und was getan werden muss. Als agiler Projektmanager unterstützen wir unsere Kunden dabei die Anforderungen und alle möglichen Implikationen gemeinsam zu definieren, so dass das Ergebnis dazu beiträgt die Ziele zu erreichen. Und Entwickler hören, im Gegensatz zu Kindern, in der Regel bis zum Ende zu und setzen die Anforderungen auch zur Zufriedenheit des Kunden um.

4. Eltern sind Kümmerer und Störungsfaktorbeseitiger

Wie der Scrum-Master, der sich um das Team und die Beseitigung der sogenannten Impediments (Störfaktoren) – welche dazu führen, dass das Team nicht seinem Auftrag nachkommen kann – kümmert, kümmern sich auch die Eltern um die Beseitigung der Störfaktoren ihrer Kinder. Bohrt der Nachbar gerade die Decke an, während das Kind ein Mittagsschläfchen macht, wird ein Elternteil sofort zum Nachbar gehen und sich darum kümmern, dass diese Störung beseitigt wird. Verlangt das Kind lauthals nach einer zweiten Scheibe Wurst an der Wursttheke, wird das Elternteil zur Wursttheke zurückgehen und – etwas beschämt – nach einer zweiten Scheibe fragen.

5. Eltern priorisieren immer wieder eigene Ansprüche um

Anders als beim Wasserfallmodell, wo die im Konzept definierten Features in einem Zug umgesetzt werden, liegt der Vorteil der agilen Projekte darin, dass man die Features jederzeit umpriorisieren, modifizieren, Neue aufnehmen oder Eingeplante sogar ersatzlos streichen kann. Und mit “ersatzlos streichen” haben alle Eltern mehr als genug Erfahrung. Nach einer langen Partynacht auf der Couch sich regenerieren: ersatzlos gestrichen – da das Feature “lange Partynächte” ganz weit nach unten priorisiert wurde. Vor dem Fernseher auf der Couch Chipssandwiches als Abendessen zu reichen: wird modifziert zu “am Esstisch um 18.30 Uhr gemeinsam ein mehr oder weniger gesundes Abendmahl zu sich nehmen”, da dieses Feature einen weitaus höheren Geschäftswert im Hinblick auf die Vision hat, dem Kind eine glückliche Kindheit zu ermöglichen.

Ich möchte mit diesem Artikel nicht sagen, dass nur Eltern agile Projekt erfolgreich managen können. Es gibt natürlich auch sehr gute Scrum Master oder Product Owner, die noch nicht in den Genuss gekommen sind, morgens um 3 Uhr für die Anforderung “ich möchte jetzt nicht mehr schlafen, ich brauche Entertainment” eine Lösung zu konzipieren. Ich möchte mit diesem Artikel darauf aufmerksam machen, dass Agilität und Flexibilität unser Leben in allen Lebenslagen berührt und lenkt und man diese Vorgehensmethode bei Projekten durchaus in Erwägung ziehen sollte.

(Autorin: Olga Schick, Team Managerin Projektmanagement)