28.07.2021

Wer schon einmal Schwierigkeiten hatte, in einer lauten Umgebung eine Sprachnachricht abzuhören oder mit einem Kleinkind auf dem Arm nicht ans Handy gehen konnte, weil die Bewegungsfreiheit zu eingeschränkt war, hat eine ungefähre Ahnung von den Herausforderungen, denen sich Menschen mit Behinderungen in ihrem digitalen Alltag gegenüber sehen. Und damit sind nicht nur körperliche oder geistige, sondern auch kognitive Einschränkungen gemeint. Aber auch Dinge wie Farbenblindheit oder die Händigkeit einer Person sollten mitgedacht werden. Linkshänder*innen z. B. stellen immer wieder fest, dass sie in ihrem Alltag oft improvisieren müssen.  

Von Barrierefreiheit haben alle was

Studien zufolge sind 18 Prozent der Weltbevölkerung von einer Behinderung betroffen, die es ihnen massiv erschwert, digitale Inhalte zu konsumieren. 50 Prozent davon sind Senior*innen. Betroffene berichten davon, sich dadurch oft frustriert und ausgegrenzt zu fühlen. Dabei gibt es z. B. mit den WCAG Standards bereits Richtlinien, die Barrierefreiheit auch in der digitalen Welt gewährleisten sollen. Barrierefreiheit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass alle Menschen eine Website oder mobile App nutzen können. Und zwar unabhängig davon, ob sie mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung leben oder nur temporär beeinträchtigt sind. Entsprechend steht das Kürzel WCAG für Web Content Accessibility Guidelines – also für die insgesamt bessere Zugänglichkeit zu digitalen Inhalten für alle Menschen. Die vier wesentlichen WCAG-Prinzipien lauten: Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit.  Europaweit gibt es ebenfalls erste Bemühungen barrierefreie Interfaces gesetzlich vorzuschreiben. Seit 2019 ist der European Accessibility Act (EAA) in Kraft, der ab 2025 verbindlich in allen EU-Mitgliedstaaten angewendet werden soll. Die leichte Nutzbarkeit eines Interfaces muss dabei nicht zu Lasten von dessen Optik gehen, sagt Christian Janowski, Senior UX Designer bei TWT: 

Barrierefrei ist nicht gleich hässlich. Leider ist diese Vorstellung immer noch in den Köpfen vieler Menschen verhaftet. Natürlich können barrierefreie Websites und Apps genauso gut aussehen wie solche, die den WCAG-Standards vielleicht weniger entsprechen.”

 

Der Fall Robles. Oder: Warum digitale Barrierefreiheit wichtig ist 

Ein Fall zum Thema, der international Schlagzeilen machte, ist der Fall Guillermo Robles. Der blinde Mann aus Kalifornien hatte per App eine Pizza bei einer großen Fast-Food-Kette bestellen wollen; sein Screenreader hatte die App aber nicht auslesen können. Robles verklagte die Kette unter Berufung auf den ADA, den Americans with Disabilities Act. Dieser verpflichtet Unternehmen seit 1990 dazu, die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen zu berücksichtigen. Der Fall ging bis an den Supreme Court, am Ende bekam Robles Recht. Christopher Danielsen, Pressesprecher der National Federation of the Blind fasst die Bedeutung des Falls in seinem anschließenden Statement wie folgt zusammen: 

If businesses are allowed to say, ‘We do not have to make our websites accessible to blind people,’ that would be shutting blind people out of the economy in the 21st century”.

 

Was sollten Sie konkret beachten? 

Im Idealfall wird direkt bei der Entwicklung daran gedacht, jene UX-Heuristiken zu berücksichtigen, die ein inklusives Nutzungserlebnis unterstützen: 

Natürlich stärkt etwas wie die Barrierefreiheit die Kundenbindung”, sagt Christian Janowski, “Für Menschen mit Behinderungen sind Seiten und Apps, die sie leicht nutzen können, ein unglaublicher Mehrwert. Es ist auch nicht so, dass zwangsläufig jede Website und jede App den höchsten Grad an Barrierefreiheit aufweisen muss, aber grundsätzlich profitieren alle Beteiligten von einem leicht erschließbaren Interface.” 

Eine Übersicht über die wichtigsten Heuristiken für digitale Barrierefreiheit hat das A11y Project (eine stilisierte Schreibweise für “Accessibility”) zusammengetragen. Einige Aspekte davon sind sehr technisch und betreffen vor allem den Code einer Website, andere sind beinahe selbsterklärend. Ein erfreulicher Bonus: Je leichter nutzbar (also: barrierefreier) eine Website ist, desto höher in der Regel auch die Suchmaschinen-Platzierung. 

 

Beispiele können sein: 

Einfache Sprache nutzen 

  • Keine komplizierten Metaphern, keine langen Sätze – schreiben Sie so, dass Mittelstufen-Schüler*innen Ihnen folgen können. Das macht es nicht nur für Menschen mit geistigen oder kognitiven Behinderungen leichter, Ihre Inhalte zu verstehen, sondern erleichtert das Lesen auch für Menschen, die die deutsche Sprache nicht fließend beherrschen.  

Benennen Sie Ihre Buttons eindeutig

  • “Hier klicken” oder “Weiterlesen” liefert keinen Kontext und sagen einem Screen Reader nicht eindeutig, was ein Klick auf den Button auslösen soll. Viele Menschen mit einer Sehbehinderung navigieren Seiten im Schnelldurchlauf, indem sie sich nur die Buttontexte vorlesen lassen. 

Geben Sie Bildern Alternativtexte 

  • Das gilt auch für Grafiken oder Karten. Beschreiben Sie im Alternativtexte alle sichtbaren Informationen, damit ein Screen Reader diese erfassen kann 

Stellen Sie sicher, dass Video- oder Sounddateien nicht automatisch abspielen 

  • Zum einen kann das Menschen mit einer Sehbehinderung erschrecken, eine unerwartete Reizüberflutung kann sich aber auch negativ auf Menschen mit geistigen oder kognitiven Einschränkungen auswirken. 

Achten Sie darauf, dass Informationen nicht ausschließlich farblich hervorgehoben werden

  • Sonst können farbenblinde Personen Ihr Interface nicht nutzen.

Wie barrierefrei und inklusiv sind Ihre Website oder Ihre App wirklich? Melden Sie sich bei unseren UX Expert*innen für einen kleinen Check-up.