12.03.2018

China verfügt über eine der aktivsten Startup- und Digital Investment-Ökosysteme der Welt:  von digitaler Technologie, Virtual Reality, autonomen Fahren bis hin zu 3D-Druck, Robotik, Drohnen-Technik und künstlicher Intelligenz. Von den weltweit 262 Unicorns, also Startups mit einer Bewertung über 1 Milliarde US-Dollar, kommt schon jedes dritte aus China. Im Bereich e-Commerce ist China bereits unangefochten, im Land werden über 40 Prozent des globalen Handelsvolumen umgesetzt. Noch drastischer ist der Unterschied beim Mobile Payment: Das Land hat elf Mal mehr mobile Transaktionen als die USA. 

Es sind vor allem drei Faktoren, die das weitere Wachstum Chinas vorantreiben: die erfolgreichen Pendants zu den US-amerikanischen Tech-Riesen, die junge Bevölkerung und die große staatliche Unterstützung.  

Hard- und Software-Unternehmen auf Weltniveau 

Dieses enorme Umsatz-Wachstum ist nur mit großen und erfolgreichen Unternehmen möglich. Mit Baidu, Alibaba, Tencent und Xiaomi (BATX) ist es China gelungen, vier riesige und innovative Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von ca. 900 Milliarden US Dollar aufzubauen. Unter ihrer Führung hat sich ein digitales Ökosystem mit Standards und Produkten auf Weltniveau entwickelt. So ist es auch gelungen, ineffiziente, fragmentierte und qualitativ unzureichende Märkte zu eliminieren. Mit dem Perlflussdelta existiert ein Hotspot für die Hardware-Industrie, der eng mit den neuen Technologien-Riesen verbunden ist. 

Junge und sehr technikaffine Bevölkerung 

Der riesige und demografisch junge chinesische Markt passt geradezu ideal zu den gewünschten Skalierungs- und Netzwerkeffekten der digitalen Ökonomie. 2016 hatte China bereits 731 Millionen Internet-User, mehr als die USA und die EU zusammen. Die chinesischen Endkunden sind zudem sehr technikaffin und nutzen die Services sehr stark. Der Markt ist mobile-getrieben: Fast jeder fünfte User nutzt ausschließlich Smartphones, verglichen mit nur 5 Prozent in den USA. Der Anteil der mobilen Zahlungen liegt bei rund 68 Prozent, verglichen mit nur etwa 15 Prozent in den USA.

Geschützter Markt und klare strategische Ziele des Staates  

Die Unternehmen konnten sich vor allem in der Frühphase deshalb gut entwickeln, weil China den Markt stark gegen die amerikanischen Internetgiganten abgeschottet hat: faktisch besitzen diese Unternehmen keinen Marktzugang. Die chinesische Regierung unterstützt die Technologie-Unternehmen auf allen Ebenen, wie zum Beispiel der Infrastruktur. So wird in der Nähe von Peking für fast 2 Milliarden Euro ein Gewerbepark gebaut. Bis zu 400 Firmen mit dem Schwerpunkt künstliche Intelligenz sollen sich hier ansiedeln, der Park ist  ausgestattet mit 5G und einem Supercomputer. Schwerpunkte sind unter anderem die Felder Big Data, Machine Learning, biometrische Personenerfassung und Cloud Computing. Das Ziel der Regierung: Bis 2030 soll China die führende Nation für künstliche Intelligenz sein. 

Zur staatlichen Unterstützung gehört auch die gezielte Förderung und Partizipation an einzelnen Projekte in einem Maß, wie es in den demokratischen westlichen Staaten unvorstellbar ist. So läuft in der Provinz Guangzhou ein Pilotprojekt mit Beteiligung der Regierung, in dem sich Menschen durch die App WeChat per Gesichtserkennung identifizieren können, egal ob bei Behördenvorgängen oder im Hotel. Diese Funktion soll nach erfolgreichem Test den Personalausweis ersetzen.  

The next big thing: Blockchain

Eine der nächsten großen digitalen Innovationen wird wahrscheinlich die Blockchain-Technologie sein, die durch Bitcoin bekannt geworden ist. Auch wenn die Blockchain viel mehr erlaubt als nur die Umsetzung von Kryptowährungen, ist sie momentan stark mit ihnen verknüpft und lässt sich operativ schwer trennen. Dadurch ist Blockchain-Politik auch immer Kryptowährungs-Politik. Gegen das energieintensive Bitcoin-Mining ist die Regierung gerade erst vorgegangen, letztes Jahr wurde der Handel mit den digitalen Währungen verboten. Auf den ersten Blick sieht es also nach einer starken Reglementierung aus, auf den zweiten Blick ist durchaus vorstellbar, dass die Regierung vor allem den einheimischen Firmen eine Atempause verschaffen und den überhitzten Markt beruhigen will. Auch wenn sich die digitalen Währungen durch eine starke Dezentralität auszeichnen, ist ein Einfluss der Regierung auf chinesische Netzwerke durchaus möglich.

Neo

Erstaunlich wenig dringt von Regulationen gegen das NEO Protokoll durch, das vielen Tech-Experten als das chinesische Etherum gilt. Als etablierte Plattform-Technologie könnte es wie Etherum in der Lage sein, Smart Contracts und weitere Technologien wie digitale Identitäten ermöglichen. Für chinesische Startups wäre es sicher attraktiver, auf der “heimischen” Plattform NEO zu wachsen als auf Etherum mit dem russisch-kanadischen Gründer Vitalik Buterin. Der Gründer von NEO, Da Hongfei, versichert jedenfalls immer wieder, dass er wenig Bedenken bei staatlicher Intervention hat, eine mittelfristige Kooperation mit der Regierung ist also sicherlich vorstellbar.

Tron

Ein weiteres Netzwerk, dass mittlerweile einen recht hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, ist Tron. Es hat mit Justin Sun einen charismatischen CEO der Tron Foundation, der in China ein Tech-Superstar ist. Sun ist auch der Gründer von Peiwo, einer Snapchat ähnlichen App. Auch die Tron Foundation scheint eng verknüpft mit der chinesischen Wirtschaft und Politik zu sein, die Liste heimischen Partner und Investoren ist entsprechend lang. Durchaus vorstellbar also, dass die chinesische Regierung solche Projekte relativ frei laufen lässt, um sie als Wettbewerb zu eher westlich geprägten Technologien und Startups etablieren zu können und so die Kontrolle zu behalten.