11.02.2014

Die ersten TYPO3 Hoster bieten bereits Komplettpakete auf Basis von TYPO3 Neos an. Ist dies bereits eine Basis für professionelle Projekte oder noch etwas für erste Spielereien? Was ist eigentlich neu an Neos? Kurz gesagt: Nichts ist mehr wie es war, wenn man es mit dem ‘alten’ TYPO3 CMS vergleicht, auch wenn die ein oder andere Ähnlichkeit gegebenenfalls durchaus unter der Oberfläche schlummert.

Neos wurde vollständig neu entwickelt und zwar parallel zum klassischen TYPO3-Zweig, der in den letzten Jahren einige radikale Wandlungen vollzogen hat. Diese sind jedoch im Vergleich zu Neos nicht so deutlich erkennbar, wenn man nur mit Anwenderaugen darauf schaut. TYPO3 Neos wurde im Dezember 2013 in der Version 1 veröffentlicht.

TYPO3 Neos ist nicht der Nachfolger des TYPO3 CMS. Dies sind zwei voneinander unabhängige Systeme. Es gibt daher auch keinen Migrationspfad vom TYPO3 CMS nach Neos und umgekehrt. TYPO3 Neos ist eine Applikation auf Basis des Frameworks TYPO3 Flow, ursprünglich FLOW3, das im Oktober 2011 veröffentlicht wurde und auch beim TYPO3 CMS ab der Version 4.5 in Form des Back-Ports extbase im Einsatz ist.

Eine Version 1 kann sicher noch lange nicht an den Funktionsumfang des TYPO3 CMS in der Version 6.1 heranreichen. Aber reicht der bereits implementierte Funktionsumfang aus, um damit professionelle Webauftritte zu implementieren?

Kurz gesagt: Nein.

Wer beabsichtigt, mit vielen Redakteuren bzw. Editoren in einem z.B. dezentralen Team zu arbeiten, muss sich gut organisieren können, denn TYPO3 Neos bietet hier kaum Hilfestellung: Freigabeworkflows (Redakteur -> Chefredakteur) sind zurzeit nicht abbildbar: Jeder darf auf ‘publish’ klicken; der Editor ebenso wie der Administrator.

Ist einmal etwas falsch gelaufen, gibt es keinen Fallback auf eine ältere Version: Eine Versionierung gibt es zurzeit auch noch nicht.

Die Verwaltung von Medien wird man außerhalb von Neos organisieren müssen, auch wenn Neos einen schönen Medienbrowser mit einfachen Bildbearbeitungsfunktionen bereitstellt. Media Asset Management kann man das aber noch nicht nennen. Der Funktionsumfang erinnert eher an die Medienverwaltung von Joomla. Metadaten am Medienobjekt, wie etwa bei der Extension DAM des TYPO3 CMS 4.x oder dem neuen File Abstraction Layer (FAL) in der Version 6.x, sind leider noch nicht vorgesehen.

Was bisher noch fehlt:

 

  • SEO-Features (Seiteneigenschaften: noindex, nofollow, keywords, description, canonical, …)
  • Versionierung
  • Digital Asset Management (es gibt einen MediaBrowser)
  • Mehrsprachigkeit (Content & User Interface)
  • Benutzerrechte / Benutzergruppen
  • ACLs

Für wen eignet sich somit TYPO3 Neos? Vorstellbar wären kleine Landingpages, Microsites für Kampagnen, die keine umfangreiche redaktionelle Organisation voraussetzen. Aber auch für diesen Verwendungsfall gibt es Einschränkungen:

TYPO3 Neos hat keinen Page Cache. Man empfiehlt die Verwendung von Varnish. Das heißt alles wird zur Laufzeit berechnet und gerendert. High Performance Sites müssten somit mit externen Cache-Mechanismen wie Varnish beschleunigt werden. Diverse Seiteneigenschaften, die für SEO notwendig sind, müssen selbst integriert werden. Neos bietet über den Contenteditor noch keine Standard-Pflegemöglichkeiten. Und obwohl TYPO3 Neos auf Erweiterbarkeit ausgerichtet ist, gibt es natürlich bei weitem noch nicht die Fülle von Extensions, die zum Beispiel das TER für TYPO3 CMS bereithält.

 

Schwerpunkt der  Neuentwicklung ist die bessere Bedienbarkeit

Bei aller Kritik zeigen sich doch viele neue Ideen und Ansätze, die Hoffnung machen:

 

  • Support von mehreren Domains
  • Unter der Oberfläche wurde zeitgemäß auf modernste Technolgien gesetzt: DDD, AOP, RequireJS, EmberJS
  • Modernes, intuitives Benutzer-Interface: Wireframe Mode (jetzt: Raw Content) – Content-Editing ohne Template. Somit kann die Pflege der Website schon stattfinden während die Entwicklung des Templates parallel läuft.
  • Webbasiertes Package Management

Erkennbarer Schwerpunkt der Neuentwicklung ist die Bedienbarkeit. Nicht zuletzt ist ja gerade das Backend des TYPO3 CMS Anlass für Kritik. In TYPO3 Neos findet das Content Editing konsequent im Vorschau-Modus statt, für den es auch eine Fullscreen Ansicht gibt.

 

Was auch als Innovation gelten kann, ist das Knoten-Prinzip (nodes) bei Seiten, Struktur- und Inhaltselementen. Die bisher von TYPO3 bekannte Trennung zwischen den beiden wird aufgehoben und die Knoten können flexibel eingeordnet werden.

Neos unterscheidet zwischen Inhaltselementen (Texte, Bilder, Überschriften etc.) und Strukturelementen (z.B. mehrspaltige Layouts). Diese werden alle innerhalb desselben Content-Trees gespeichert.

 

WCMS mit Perspektive?

Einer Umfrage der Internet World ist zu entnehmen, dass alle befragten Internet - bzw. TYPO3-Agenturen TYPO3 Neos als Schritt mit Zukunftsperspektive sehen. Kaum jemand setzt es zurzeit jedoch für kommerzielle Projekte ein. Den ersten Versuch gibt es wohl hier: www.centurion-magazine.com.

 

Diese Website könnte man sich auch gut mit WordPress vorstellen, mit dem TYPO3 CMS ohnehin. Hier werden schnell die o.g. Einschränkungen deutlich. Die Startseite enthält noch ein paar Meta Tags à la description und keywords. Folgeseiten, z.B. Artikelseiten, müssen wohl ohne auskommen.

Autor: Reinhold Röhling