19.06.2018

Was auf der Hand liegt: Der Effekt der Digitalisierung ist bei den Jüngsten allein schon aufgrund der vorhandenen Lebenszeit und der Lernbereitschaft am Größten. Deshalb muss ein Schwerpunkt in der Bildung liegen. Eine der wichtigsten pädagogischen Prinzipien in Estland ist die Verknüpfung von digitalen Inhalten mit den einzelnen traditionellen Fächern. So kommt beispielsweise im Matheunterricht der Grundschule der Roboter Beebot zum Einsatz, der einfache Rechenaufgaben lösen kann, während er sich im Raum auf einem Feld von Rechenaufgabe zu Rechenaufgabe bewegt. Dazu müssen ihn die Kinder allerdings “programmieren”, indem sie ihn auf Felder eines Rechenspiels setzen, das er lösen soll. So lernen sie das elementare “Wenn-dann”-Prinzip der Programmierung. In der dritten Klasse geht es weiter - hier lernen die Kinder, selbst einen Lego-Roboter zusammen zu bauen. Schon in der vierten Klasse geht es um die Sicherheit im Internet.  

Der große Tigersprung

Wenn man verstehen will, wie Estland sich so erfolgreich digitalisieren konnte, muss  man einen Blick in die Vergangenheit wagen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit setzte das baltische Land 1997 das Programm “Tigersprung” auf. In diesem Kontext muss erwähnt werden, dass Estland nur circa 1,3 Millionen Einwohner hat, was die Planung und Umsetzung eines so gewaltigen Programms natürlich vereinfacht. Nichtsdestotrotz beweisen die Maßnahmen retrospektivisch eine enorme Weitsicht: Bereits zu Beginn des Programms 1997 wurden alle Schulen an das Internet angeschlossen. Im Jahr 2000 konnten die Bürger ihre Steuer­erklärung online abgeben, 2001 die digitale ID-Karte, 2005 die Wahl im Internet. 

Die Verwaltung gibt die Richtung vor

Während die deutsche Verwaltung meistens der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung folgt, scheint es im Baltikum eher so zu sein, dass sie die Richtung anzeigt: Die Verwaltung agiert papierlos, mit einer digitalen ID-Karte können die Bürger alles Prozesse online erledigen. Gerade die digitale ID hat viel zur Verschlankung der behördlichen Prozesse beigetragen. Neben klassischen behördlichen Prozessen wie der Beantragung eines Führerscheins sind sogar Verträge von Bürger zu Bürger möglich, beispielsweise bei einem privaten Verkauf. Einzige technische Voraussetzung: ein Kartenlesegerät, das an den heimischen Rechner angeschlossen wird. Enorm effizient lässt sich auch die Gründung von Unternehmen abwickeln. Natürlich online - und eine Sache weniger Minuten. Die Kombination aus der digitalen Identität und der elektronischen Verwaltung macht es möglich, ein Notar ist beispielsweise nicht nötig.  

Digitale Identität führt zu geschäftlichen Problemen mit Ausländern

Was die Prozesse für die Inländer stark vereinfachte, machte es für ausländische Investoren und Unternehmen schwieriger, weil sie nicht über die digitale Identität und dem Zugang zum System verfügten und so gewissermaßen aus dem Raster fielen. Dieses Problem wurde 2014 mit der E-Residency gelöst. So wurde die estnische Staatsbürgerschaft und somit die Vorzüge der digitalen Identität auch für Ausländer möglich. Mit großem Erfolg, auch aus kommunikativer Sicht: In den ersten 24 Stunden bewarben sich 4.000 Menschen auf die elektronische Staatsbürgerschaft, heute gibt es über 20.000 E-Residents. Eines wird hier vor allem deutlich: Die Bevölkerung muss der Regierung und Verwaltung grundsätzlich hohes Vertrauen entgegenbringen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo jede Datenaggregation des Staates tendenziell als Eingriff und Gefahr gesehen wird, gilt zentrale Erfassung und Verarbeitung von Daten in Estland eher als Vorteil. Das wurde exemplarisch deutlich, als es zu einer Sicherheitspanne bei der digitalen ID kam, auf deren Höhepunkt sogar die Identitäten für anderthalb Monate eingefroren werden mussten. Die Regierung kommunizierte aber klar und transparent, deshalb hielt sich die Aufregung in der Bevölkerung in deutlichen Grenzen.   

Erst EZB setzt dem Estcoin ein Ende

Auch die Vision einer staatlichen Kryptowährung war in greifbarer Nähe. Auch wenn Venezuela mit dem Petro Coin schon eine staatliche Digitalwährung besitzt, wäre ein estnischer Coin sicherlich um ein vielfaches seriöser, stabiler und nachhaltiger gewesen. Nachdem die Pläne schon sehr konkret durch die Regierung kommuniziert worden waren, sind die Bemühungen aufgrund des Drucks der Europäischen Zentralbank (EZB) vorerst auf Eis gelegt worden. Wäre eine Umsetzung gelungen, hätte das sicherlich Vorbildcharakter gerade für kleinere Staaten gehabt. Entwicklungsländer könnten mit digitalen Währungen eventuell auch die starke Abhängigkeit vom US-Dollar verringern.